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Wo einst das Abwasser floss, fährt jetzt das Fahrrad

Ein neuer Radführer macht die renaturierte Emscher zum schönsten Geheimtipp des Ruhrgebiets. „Radgenuss Blaue Emscher" versammelt zwölf Rundtouren, elf davon mit direktem Bezug zum neuen Emscher-Weg, und führt damit von der Quelle bis zur Mündung – von Dortmund-Holzwickede bis Dinslaken.
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Radgenuss Blaue Emscher

Es gibt Flüsse, die man meidet, und Flüsse, denen man ein Denkmal setzt. Die Emscher war einst von der ersten Sorte. „Die Blaue Emscher war lange Zeit alles andere, nur nicht blau", schreibt Peter Trembich im Vorwort seines neuen Radführers – ein Satz, der die ganze Dramatik dieser Flussbiografie in einem Nebensatz bündelt. Einst ein mäandrierender Strom in einem fünf Kilometer breiten Tal, wurde die Emscher mit dem Bergbau und den Bergsenkungen, die er verursachte, zu einem betonierten Kanalsystem umgebaut. Das „Köttelbecken", wie es im Revier unverblümt hieß, nahm jahrzehntelang die Abwässer von Industrie und Haushalten auf.

Erst als 2008 die Bergsenkungen endeten, konnte mit der Renaturierung begonnen werden – ein Mammutprojekt, das am 1. Januar 2022 abgeschlossen wurde. Die Emscher, so lakonisch wie triumphal vermerkt der Autor, „ist nun wieder abwasserfrei". Dass es jetzt einen Radführer gibt, der diesen Wandel in Kilometern, Höhenmetern und Streckenbeschreibungen fassbar macht, ist mehr als ein touristisches Zubehörprodukt.

Phoenix aus dem Wasser

Der Auftakt, Tour 1 mit dem programmatischen Titel „Phoenix aus dem Wasser", beginnt sinnfällig am Emscherquellhof, jenem 1801 errichteten Gehöft, das preußische Landvermesser 1824 fälschlicherweise zur Quelle erklärten – das eigentliche Quellgebiet liegt 400 Meter weiter im Wald. Von hier aus führt die Route über den Phoenix-See, jenes 24 Hektar große Gewässer, das auf dem Gelände eines von 1841 bis 2001 betriebenen Stahlwerks entstand und heute Wohnquartier und Naherholungsgebiet zugleich ist, weiter zum Borsigplatz, dem „Herz von Borussia Dortmund", und schließlich hinauf zum Wasserschloss Haus Opherdicke mit Blick ins Sauerland. 

Was den Führer auszeichnet, ist die Verbindung von Naturerlebnis, Industriekultur und jener speziellen Ruhrgebiets-Gastlichkeit, die selten in Reiseprospekten so treffend eingefangen wird. Da ist das Klärwerk Bottrop mit seinen vier silbernen Faultürmen, die „an riesige Ostereier erinnern" und zu den größten der Welt zählen – ein Bild, das sich einprägt. Da ist der „Zauberlehrling", eine 35 Meter hohe Skulptur eines tanzenden Strommastes, die 2013 im Rahmen der Emscherkunst entstand. Da ist das Colani-Ei, ein UFO-förmiger Aufbau des Designers Luigi Colani auf einem stillgelegten Zechenturm in Lünen. Und da ist immer wieder die Kunst am Wegesrand: die Brückenskulptur „Slinky Springs to Fame" von Tobias Rehberger am Kaisergarten Oberhausen, deren 496 Aluminiumbögen bei Nacht beleuchtet werden, oder die Herkules-Skulptur, die einen Förderturm der Zeche Nordstern, heute Nordsternpark, krönt.

Zwischen Kokerei und Hochofen

Besonders eindrücklich gelingt Trembich die Beschreibung jener Orte, an denen sich der Wandel gleichsam physisch nachvollziehen lässt: das ehemalige Absturzbauwerk bei Dinslaken, wo die Emscher bis 2023 in den Rhein mündete, und das benachbarte neue, knapp 20 Hektar große Mündungsdelta, das Fischen erstmals seit Jahrzehnten wieder den Aufstieg stromaufwärts ermöglicht. Oder der Landschaftspark Duisburg-Nord, wo die Alte Emscher „ganz gemächlich in ihrem renaturierten Bett" durch ein 180 Hektar großes ehemaliges Hüttenwerksgelände fließt, vorbei am begehbaren Hochofen 5. Der Weg dorthin führt bezeichnenderweise mitten durch das Thyssenkrupp-Stahlwerk, vorbei an Kokerei und Hochofen Schwelgern – ein Perspektivwechsel, der die Gleichzeitigkeit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft im Revier auf engstem Raum erfahrbar macht. 

Handwerklich überzeugt der Führer durch jene Genauigkeit, die aus einer Streckenbeschreibung erst eine verlässliche Wegbegleitung macht: exakte Angaben zu Kilometern, Höhenmetern und Schwierigkeitsgraden, Hinweise auf Wegbeschaffenheit und ÖPNV-Anbindung, dazu kompakte Hintergrundtexte in den Rubriken „Am Weg" und „Tipp", die die Geschichte und Gegenwart der jeweiligen Orte knapp und kenntnisreich erläutern. Auch für Umleitungen durch die Bauarbeiten der kommenden Internationalen Gartenausstellung (IGA) 2027 ist gesorgt – ein Beleg dafür, dass hier jemand schreibt, der die Region nicht nur bereist, sondern hier lebt. Und natürlich fehlt es nicht an Einkehrtipps: vom Café Lüntec über den Biergarten an der Zeche Nordstern bis zum Mühlenmuseum in Dinslaken-Hiesfeld, dessen Ursprünge als Wassermühle bis 1220 zurückreichen. 

Symbol des Wandels

Die Emscher hat einen erstaunlichen Wandel vollzogen – vom verbotenen Abwasserkanal zum einladenden, „blaugrünen" Fluss. Dass ihr nun ein Radführer zur Seite steht, der diesen Wandel nicht nur beschreibt, sondern Kilometer für Kilometer buchstäblich erfahrbar macht, ist ein Gewinn für jeden, der glaubt, das Ruhrgebiet schon zu kennen. Er wird eines Besseren belehrt – und zwar, wie Trembich selbst im Vorwort schreibt, mit „Glück auf" und spürbarem Vergnügen.

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