Irrtümer haben gegenüber Tatsachen einen entscheidenden Vorteil: Sie sind meist leichter zu merken. Richard Wagner war ein größenwahnsinniger Opernkomponist, Ludwig II. ein weltfremder Märchenkönig, Goethe der alte Herr auf dem Sockel. Die Beatles waren nett, die Rolling Stones gefährlich, und in der Hanse saßen mittelalterliche Kaufleute vermutlich regelmäßig zu Vorstandssitzungen zusammen. So ungefähr hat man es abgespeichert.
Die Reihe „Populäre Irrtümer und andere Wahrheiten“ des Klartext Verlags misstraut solchen bequemen Gewissheiten. Ihre handlichen, bebilderten Bände zerlegen große Themen in kurze Kapitel, Anekdoten und verblüffende Fragen. Das Ergebnis ist kein Lexikon für Menschen, die am Esstisch unbedingt recht behalten möchten – obwohl es sich dafür durchaus verwenden lässt. Es ist eine Einladung, vertraute Persönlichkeiten und Epochen noch einmal anzusehen.
Dabei geht es nicht nur um ein strenges „falsch“ oder „richtig“. Interessanter ist oft, weshalb sich eine Geschichte durchgesetzt hat. Denn ein guter Mythos kann hartnäckiger sein als jede Fußnote.
Wagner und Ludwig: Zwei Herren machen Theater
Richard Wagner und Ludwig II. waren Spezialisten für den großen Auftritt. Der eine schuf das Gesamtkunstwerk und machte Bayreuth zum Wallfahrtsort. Der andere baute Schlösser, in denen er sich möglichst nicht von der Wirklichkeit stören lassen wollte. Gemeinsam hinterließen sie ein historisches Drama mit Musik, Schulden und ausgesprochen aufwändiger Ausstattung.
Andreas Jacobs „Wagner. Populäre Irrtümer und andere Wahrheiten“ stellt Fragen, die in feierlicher Festspielatmosphäre vermutlich nicht immer gern gehört werden: Warum behauptete Wagner, er habe gar keine Opern geschrieben? Hat er den Heavy Metal vorweggenommen? Und wie passt das musikalische Genie zu dem Menschen Wagner, dessen Antisemitismus sich nicht aus der Biografie herausdirigieren lässt?
Jacob zeigt Wagner als Revolutionär und königlichen Günstling, als notorischen Schuldner mit erlesenen Ansprüchen, als Erneuerer des Theaters und begabten Vermarkter seiner selbst. Auch die Nachwirkung kommt zur Sprache: Thomas Mann, Loriot und Woody Allen haben auf sehr unterschiedliche Weise bewiesen, dass man Wagner nicht nur verehren, sondern auch ironisch aushalten kann. Das schadet dem Werk nicht. Im Gegenteil: Ein Genie darf ruhig ein paar unbequeme Fragen vertragen.
Marcus Spangenbergs Band über Ludwig II. nimmt sich den zweiten großen Selbstdarsteller dieses Duos vor. Der König erscheint im kollektiven Gedächtnis gern als bleicher Sonderling, der zwischen Schwänen und künstlichen Grotten die Politik vergaß. Spangenberg fragt genauer nach: Welche Rolle spielte Ludwig tatsächlich im politischen Bayern? Wie stand er zu Preußen? Wie verhielt es sich mit seinen Finanzen? Und war Kaiserin Elisabeth wirklich seine große Liebe – oder vor allem die seiner späteren Drehbuchautoren?
So wird aus dem Märchenkönig kein nüchterner Aktenbearbeiter. Aber hinter der touristischen Kunstfigur kommt ein widersprüchlicher Monarch zum Vorschein. Ludwig errichtete eine Gegenwelt, Wagner die Bühne dazu. Dass heute Reisebusse vor Neuschwanstein und Opernfreunde in Bayreuth Schlange stehen, gehört zur Pointe ihrer gemeinsamen Wirkungsgeschichte.
Goethe, Brecht, Mann: Weg mit der Schutzfolie
Auch Schriftsteller werden gern auf wenige Eigenschaften reduziert. Goethe ist der Dichterfürst, Brecht der Mann mit Zigarre und politischer Botschaft, Thomas Mann der vornehme Herr am Schreibtisch. So lassen sie sich gut im Unterricht unterbringen. Nur leider waren sie komplizierter.
Dagmar Gaßdorf und Bertold Heizmann holen Goethe vom Sockel, ohne ihn unsanft herunterzuschubsen. Ihr Band fragt, welche geflügelten Worte wirklich von ihm stammen, was an seinen zahlreichen Frauengeschichten dran ist und wie aus dem Schriftsteller, Naturforscher, Minister und Netzwerker der Nationaldichter werden konnte. Goethe eignet sich für ein Buch mit dem Titel „Populäre Irrtümer“ besonders gut: Sobald ein Satz ein wenig weise klingt, besteht eine gewisse Gefahr, dass er ihm zugeschrieben wird.
Dabei kommt ein Goethe zum Vorschein, der weniger marmorhaft ist als sein Denkmal: ehrgeizig, sinnlich, neugierig und durchaus eitel. „Faust“, „Werther“ und „Zauberlehrling“ bleiben Klassiker. Nur der Mann dahinter darf wieder ein Mensch sein.
André Port le roi beschäftigt sich mit Brecht und Thomas Mann. Sein Brecht-Band führt von der „Dreigroschenoper“ über das Exil bis zum „Galilei“ in Amerika. Er zeigt, warum Brechts episches Theater noch immer wirkt und weshalb der vermeintliche Schulbuchautor überraschend modern geblieben ist.
Der private Brecht kommt dabei weniger gut weg. Ein Mensch kann politisch Moral fordern und sich selbst trotzdem ziemlich rücksichtslos verhalten. Das kennen wir bis heute. Doch gerade diese Spannung ist aufschlussreich. Wer Brecht nur als Genie betrachtet, übersieht die Menschen, die an seinen Arbeiten beteiligt waren. Wer ihn nur nach seinem Charakter beurteilt, erklärt noch nicht, warum seine Stücke weiterhin gespielt werden.
Thomas Mann scheint zunächst das Gegenmodell zu sein: tadellos gekleidet, diszipliniert und mit dem Ernst eines Mannes, der ahnt, dass spätere Generationen seine Tagebücher lesen werden. Doch auch dieses Bild war sorgfältig arrangiert. Port le roi betrachtet den öffentlichen Repräsentanten neben dem privaten Menschen, den Familienvater neben dem Künstler, den Deutschen neben dem Emigranten. Sichtbar werden die Spannungen zwischen Bürgerlichkeit und Begehren, Selbstkontrolle und Selbstenthüllung.
Natürlich lassen sich Goethe, Brecht und Mann nicht auf jeweils 120 Seiten erledigen. Das wäre ungefähr so vernünftig, wie „Faust“ auf einen motivierenden Kalenderspruch zu reduzieren. Die Bücher wollen vielmehr Lust auf die Originale machen. Wenn danach jemand freiwillig die „Buddenbrooks“ aus dem Regal zieht, hat die Reihe bereits Beachtliches geleistet.
Popstars: Mondgang, Punk und Altersvorsorge
Bei Popstars entstehen Mythen noch schneller als bei Dichtern. Ein Foto, ein Kostüm oder drei Akkorde genügen, und eine ganze Karriere scheint erklärt.
Alex Gernandts Buch über Michael Jackson profitiert davon, dass der frühere „Bravo“-Chefredakteur den Sänger über Jahre begleitete und 16-mal traf. Er blickt hinter die Maske des „King of Pop“, ohne zu behaupten, dort eine einfache Wahrheit gefunden zu haben. Jackson war ein Künstler von extremer Präzision, aber auch eine Projektionsfläche, auf der die Öffentlichkeit beinahe jedes Gerücht ablegte. Bei ihm ist deshalb nicht nur interessant, was stimmt. Ebenso aufschlussreich ist, warum so viele Menschen alles zu glauben bereit waren.
Hollow Skai widmet sich den Toten Hosen. Deren Mythos beruht weniger auf Distanz als auf Nähe: Düsseldorf, Fortuna, Punk, Freundschaft, Bier und Haltung. Allerdings kann auch Bodenständigkeit zur Marke werden. Die Hosen begannen in einer kleinen Szene und füllten später Stadien. Kann Punk noch Punk sein, wenn Eintrittskarten, Großbildleinwände und Tourneeplanung eine mittlere Verwaltung erfordern? Der Band zeigt: Der Widerspruch lässt sich nicht beseitigen, aber ausgesprochen gut besingen.
Ernst Hofacker, der seit den Achtzigerjahren für „Bravo“, „Musikexpress“ und „Rolling Stone“ schreibt, nimmt sich der beiden großen britischen Gegenmodelle an. Bei den Rolling Stones geht es um „Angie“, das beste Album und die Frage, wie aus wechselnden Bandmitgliedern die angeblich größte Rockgruppe der Welt wurde. Die Stones haben inzwischen so viele angekündigte Abschiede überlebt, dass ihre fortgesetzte Existenz beinahe als Naturgesetz gelten darf. Sie stehen heute nicht mehr nur für Rebellion, sondern auch für bemerkenswert professionell organisiertes Durchhaltevermögen.
Über die Beatles scheint zwar alles bekannt zu sein. Trotzdem bleiben Fragen: Wer erfand ihre Frisur? Warum lehnte Decca sie ab? Waren Beatles und Stones wirklich erbitterte Feinde? Die Antwort auf die letzte Frage ist, wie fast immer, weniger dramatisch als die Legende. Beide Gruppen konkurrierten, beobachteten einander und profitierten von einem Gegensatz, den Öffentlichkeit und Vermarktung dankbar zuspitzten.
So erzählen die vier Musikbände verschiedene Arten von Ruhm. Michael Jackson verschwand hinter seiner medialen Maske. Die Toten Hosen machten Nahbarkeit zum Markenkern. Die Stones verwandelten jugendliche Rebellion in ein erstaunlich langlebiges Unternehmen. Und die Beatles wurden nach ihrer Trennung so groß, dass inzwischen selbst ihr gelbes Unterseeboot erklärungsbedürftig ist.
Die Hanse hatte keinen Mitgliedsausweis
Mit Veit Veltzkes „Hanse. Populäre Irrtümer und andere Wahrheiten“ verlässt die Reihe die Garderoben und Dichterhäuser. Doch auch die Hanse ist eine historische Berühmtheit, über die man vieles zu wissen meint. Der Ausdruck „Hansebund“ klingt nach einer ordentlichen Organisation mit Satzung, Zentrale und Mitgliedskarte. Tatsächlich war die Hanse ein bewegliches Geflecht aus Kaufleuten, Städten, Kontoren, Privilegien und gemeinsamen Interessen.
Veltzke erzählt in kurzen Kapiteln von Handelswegen, Waren, wirtschaftlicher Macht, Konkurrenz und Gewalt. Karten und Chronologien verhindern, dass man zwischen Nowgorod, Brügge und Lübeck die Orientierung verliert. Auch Störtebeker darf nicht fehlen. Aus einem Kaperfahrer wurde in der Erinnerung ein Pirat und schließlich eine Art norddeutscher Robin Hood. Was genau historisch verbürgt ist, bleibt weniger eindeutig, als Festspiele und Rumflaschen vermuten lassen. Veltzke zerstört die Legende nicht; er zeigt, wie sie entstanden ist.
Die Hanse passt damit bestens in die Reihe. Wie Wagner, Goethe oder die Beatles ist sie eine Marke der Erinnerung. Das „H“ steht auf Autokennzeichen, und der Tourismus wirbt mit Backsteingotik und Kaufmannsgeist. Dahinter liegt ein Europa beweglicher Bündnisse und harter Interessen – fremd, kompliziert und gelegentlich erstaunlich modern.
Klüger, aber nicht schulmeisterlich
Die Stärke der Reihe „Populäre Irrtümer und andere Wahrheiten“ liegt nicht in sensationellen Enthüllungen. Meist wird die Geschichte nicht umgeschrieben, sondern nur ein vertrautes Bild ein wenig geradegerückt. Plötzlich merkt man, wie schief es vorher hing.
Populäre Irrtümer werden schließlich nicht allein deshalb populär, weil Menschen zu wenig wissen. Sie setzen sich durch, weil sie gute Geschichten sind. Wer sie berichtigen will, muss die Wahrheit mindestens ebenso unterhaltsam erzählen. Genau das gelingt der Klartext-Reihe: nicht in jedem Kapitel gleich glänzend, aber oft überraschend, angenehm unfeierlich und mit jenem Zweifel, ohne den Wissen schnell wieder zum Vorurteil wird.
Foto: Imago
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