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110 Mann, ein Chor, keiner kann singen

Sie können nicht singen. Sagen sie selbst. Trotzdem füllen die „Hamburger Goldkehlchen“ die Elbphilharmonie, die Barcleys Arena und nun auch das Volksparkstadion. Lars Haider hat die seltsamste Erfolgsgeschichte der deutschen Amateurmusik aufgeschrieben – rechtzeitig zum Abschied ist nun das Buch „Die Hamburger Goldkehlchen“ erschienen.

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Der Gründungsakt datiert auf den 28. Juli 2016. Am Abend zuvor waren Max Michel und Flemming Pinck in der Thai Oase an der Großen Freiheit, Hamburgs berühmtester Karaoke-Bar. Max radelt verkatert zur Arbeit und ruft an: „Flame, wir müssen einen Chor für uns suchen.“ Fünf Minuten später der Rückruf: „Habe gegoogelt. Hoffnungslos. Wir müssen selbst einen Chor gründen.“ Noch bevor Max sein Büro erreicht, steht der Facebook-Post im Netz: „Wir haben ein paar Talente dabei, einige sind weniger begabt und stellen sich besser in die letzte Reihe.“ Der Name stand schon fest. Die Hamburger Goldkehlchen. Selbstironie als Firmenschild.

Und wenn da nur eine Oma steht

Haider erzählt den Aufstieg entlang seiner Beinahe-Niederlagen. Das Video zu Barry Manilows „Mandy“ erreichte 1,2 Mio Aufrufe – dann der Anruf von Warner Music: löschen oder 50.000 Euro Strafe. Beim ersten Sommerkonzert in Planten un Blomen drohte Unwetter, im Chor mehrten sich die Stimmen für eine Absage. Flemmings Antwort wurde zur Haltung: „Und wenn da nur eine einzige Oma unter einem Regenschirm sein sollte, dann singen wir eben für die!“ Es kamen 2000 Menschen.

2019 im Stadtpark verzichteten sie aus Angst vor leeren Rängen sogar auf Eintrittsgelder. Um 12.30 Uhr fuhr Flemming hin – und konnte das Ende der Warteschlange nicht sehen. Einlass war erst um 18 Uhr. Fünf Jahre später war derselbe Ort sogar schon nach 90 Sekunden ausverkauft.

Youngblood, oder: Wie man einen Chor ernst nimmt

Paul Jungeblodt, Profimusiker, hielt zunächst nichts von dem Chor: „Das Einzige, was ich in Sachen Goldkehlchen hatte, war diese Grundgenervtheit.“ Dann besuchte er eine Probe, sah die geexten Biere, die Umarmungen – und wusste: „Es wird richtig geil, aber es wird auch richtig wild.“ Unter ihm als Chorleiter ändert sich der Ton: Hausaufgaben, Disziplin. Werden sie dadurch besser? Am ehrlichsten antwortet der beste Sänger des Chors – Mats Regenbogen, Musikgymnasium, Vorstandsvorsitzender der Hamburger Tafel, könnte jederzeit in einem „richtigen Chor“ singen. Er will nicht: „Mir macht es viel mehr Spaß, mit Leuten zu singen, die das nicht können.“ 

Die Ökonomie des Größenwahns

Ein besonders lehrreicher Teil des Buchs ist eine Tabelle: 346 Zeilen lang ist die Kostenaufstellung für das Stadionkonzert – Kräne, 25 Golfcarts, 190.000 Euro für die Rasenabdeckung, 15.000 Euro Gema-Gebühren. Gesamtvolumen: rund 2,7 Mio Euro. Haider war dabei, als der Vorverkauf startete: 25.000 Menschen in der Warteschlange, um 9.14 Uhr waren 20.000 Karten weg, um 10.16 Uhr der Break-even. Chor-CEO Markus Tiedemann öffnet einen Riesling und sagt: „Jungs, wir werden nicht Bankrott gehen.“ Vor dem Arena-Vorverkauf hatte er noch einen Alptraum: Was ist eigentlich, wenn keiner kommt?

Haider hat die Goldkehlchen fast ein Jahr lang bei Proben, hinter den Kulissen und auf Hamburgs größten Bühnen begleitet rund porträtiert rund 30 Chormitglieder. Da ist Flo, früher Punk, der auf dem ersten Chorfoto fehlt, weil er es gemacht hat – und der sagt: „Es gab selten einen Haufen von mehr als 100 Männern, die weniger toxisch sind als wir.“ Da ist Falko, Erfinder des Totenkopfs auf der Kutte, der seit 2024 bei jedem Konzert ein politisches Statement spricht. Für Empathie, Vielfalt, Toleranz. „Diese Werte sind unverhandelbar.“ Nach der Arena kam ein Zuschauer auf ihn zu: „Du hast mir eine Stimme gegeben.“

Und da ist jener Brief eines Mitglieds, das mit fast 45 die Hoffnung auf Vaterschaft aufgegeben hatte und es durch den Chor doch noch wurde. Haiders Kommentar dazu gehört zu den besten Sätzen des Buches: „Es sind diese Momente, in denen aus einem ‚Wir singen zusammen‘ ein ‚Wir tragen einander‘ wird.“

Der Schlussakkord

Das Konzert im Volksparkstadion ist das letzte. Warum aufhören? Weil mehr nicht geht. Ganz vorbei ist es vermutlich trotzdem nicht: Die montäglichen Proben sollen weiterlaufen, verrät Verlegerin Julia Becker im Vorwort. Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher, der das Nachwort beisteuert, nennt sie „sympathische Botschafter unserer Stadt“ – was stimmt, aber kleiner klingt, als die Sache ist. Denn der Erfolg dieser 110 Männer ist kein musikalischer, sondern ein anthropologischer Befund über eine Gesellschaft, in der nur noch das Fehlerfreie Aufmerksamkeit bekommt. Oder, wie Entertainer Lex Dildo es sagt: „Das Geheimnis ist, dass wir es für uns tun.“

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